Breslau – Schlesische Zeitung am 9. Oktober 1925
Anläßlich des 25. Jubiläums Prof. Georg Schumanns als Direktor der Berliner Singakademie (vergl. Nr. 464 der Schles. Zeitung) wird der nachstehende Aufsatz willkommen sein.
Georg Schumanns fünf Choralmotetten, die 1922 erschienen sind, nehmen eine besonders hervorragende Stellung innerhalb seiner Kompositionen ein. Sie sind der Abschluß und zugleich die Krönung seiner Chormusik ohne Begleitung, die jetzt in 6 Werken vor uns liegt. In den ersten Arbeiten dieser Gattung, Op. 31 und 51, versucht Schumann im Anschluss an Brahms herbere und straffere Töne anzuschlagen, als Gegensatz zu der damals sehr weichlichen Kirchenmusik eines Becker, Richter oder Kiel. Eigenartiger angelegt und harmonisch kühner bewegen sich die drei Motetten und die Hiobsgesänge Op. 52 und 60. Das 63. Werk sind wohlgelungene Bearbeitungen dreier alter Volkslieder.
Wenn die genannten Werke auch Schumanns Ruf als Kirchenkomponist begründeten, so werden sie doch durch diese Choralmotetten mit ihren feinen christlichen Empfindungen übertroffen, zu deren Melodiefreudigkeit sich ein Formenreichtum gesellt, wie er nur von Meisterhand herrühren kann. Schumanns Motetten (Wie schön leucht‘ uns der Morgenstern, Ermuntere dich, mein schwacher Geist, Jesus meine Zuversicht, Wachet auf und Vom Himmel hoch) sind nicht die ersten innerhalb des Gebietes der Choralbearbeitung. Doch sind z.B. Bachs Motette „Jesu, meine Freude“ und Brahms „O Heiland, reiß die Himmel auf“, nur mit Unterschied zu nennen. Diese sind strenge Bearbeitungen, die den Choral unangetastet lassen und ihn nur mit verschieden gearteten Stimmführungen umranken. Schumann hingegen verändert ihn in buntem Wechsel, formt durch rhythmische, harmonische und melodische Umwandlungen aus ihm ein neues Thema, das wiederum umgebildet und figuriert wird. Das Prinzip der Variation der freien Veränderung und der sogenannte thematischen Arbeit ist hier bewußt und mit großem Geschick durchgeführt. Das ist der Unterschied und das wirklich neue.
Die Umbildungen nun werden nicht willkürlich vorgenommen, sondern durch den Text diktiert, dessen Stimmungsgehalt sie damit auszumalen beabsichtigen. Daß die Motetten von Bachschen Geist erfüllt sein sollen, wie dies H. Biehle behauptet scheint mir haltlos (siehe seinen Aufsatz die Choralmotetten, Augustheft der „Musik“ 1924). Zur Widerlegung dessen genügt allein schon der Hinweis auf die Art, wie Schumann den Chorsatz anlegt.
Beeinflußt und angeregt von der modernen Orchesterbehandlung nutzt er die verschiedenen Klangfarben der Stimmen aus. Nicht das, was jede Stimme singen kann, sondern durch welche die Melodie am schönsten zur Geltung kommt, das ist sein Prinzip. Die Oktavverdopplungen, Gruppierung und Mischung, die Gegenüberstellung von Frauen- und Männerchor zum Zweck der Farbenwirkung – das alles sind moderne Bestrebungen, die Bachs linearem Denken fern lagen. Es ist auch keine strenge Kirchenmusik im Bach’schen Sinne, die uns hier geboten wird, sondern ein allgemein religiöser Zug, poetisch-intim weht durch dieses fast kammermusikalische Werk.
Im einzelnen betrachtet, bergen die Choralmotetten manche Feinheiten in Klang und Stimmführung, die nicht beim ersten Hören bemerkt werden. Leicht verständlich sind die beiden zartseeligen „Wie schön leucht‘ uns der Morgenstern“ und „Vom Himmel hoch“, mit ihrem reizvollem Hell-dunkel zwischen Frauen- und Männerchor. Dagegen entfalten „Ermuntere Dich“ und besonders die schmerzliche Todesklage „Jesus meine Zuversicht“ erst langsamer, dafür aber so nachhaltiger ihre Eindruckskraft. Als rechter Festgesang tritt uns die Motette „Wachet auf“ mit elementarer Steigerungsform entgegen: Der beginnende Chor erhält durch nacheinander eintretende Orgel und Blasorchester stets größere Wucht und markige Kraft, wozu der rhythmisch-umgeformte und dadurch straff-dramatisch wirkende Choral das Thema gibt.
Diese Motetten sind chortechnisch schwer. Zu einer schlackenlosen Aufführung bedarf es eines sicheren Chores, umsichtigen Führers und mit ein paar Proben ist hier nichts getan. Doch aufgewandte Mühe wird reichlich entschädigt durch die Freude und Erbauung, die Mitwirkenden wie Zuhörern dann zuteil wird.
CD-Veröffentlichung Choralmotetten